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Der Adel und die Vergleichbaren Traditionellen Eliten

in den Ansprachen von Papst Pius XII

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Das Rosenwunder der Hl. Elisabeth.

Im Jahre 1634 legte Papst Urban VIII. mit dem Brevier Coelestis Jerusalem Cives die Maßstäbe zur Heiligsprechung einer Person fest, und diese sind in ihrem Wesensgehalt bis heute gleichgeblie­ben.

Im Hinblick auf die Diener Gottes, denen mit Duldung der Kirche nach dem Pontifikat Papst Alexan­ders III. öffentliche Ehrerbietung teilgeworden war, sahen die Verfassungsgrundsätze Urbans VIII. die Bestätigung des Kultes oder eine gleichwertige Heiligsprechung vor, „durch Sentenz, durch welche der Oberste Hirte anordnet, einen Diener Gottes in der universellen Kirche wie einen Heiligen zu verehren, genauer, einen Diener, für den zwar kein regulärer Prozeß eingeleitet worden ist, der aber seit unvordenklichen Zeiten eine öf­fentliche Verehrung erfährt“.1 Diese Vorgehens­weise galt auch für ähnliche Fälle nach der Zeit der Verfassungsgrundsätze Urban VIII.

So kann man also erst seit dem Jahre 993 – dem Datum der ersten päpstlichen Heiligsprechung – eine Liste jener Heiligen aufstellen, die vom Heiligen Stuhl ernannt worden sind. Doch ist diese Liste noch nicht vollständig; es fehlen Unterlagen von ganzen Epochen. Außerdem enthält diese Liste nicht alle Heiligen, denn zwischen 993 und 1234 machten die Bischöfe – wie gesagt – mit der Bestätigung der Kulte weiter. Von daher waren viele Personen Gegenstand öffentlicher Verehrung ohne jeglichen Eingriff aus Rom.

Erst ab dem Beginn des 16. Jahrhunderts kann man sicher sein, daß die Liste der Heiligen und Seligen (eine von der Gesetzgebung Papst Urbans VIII. anerkannte Unterscheidung) lückenlos ist.2

Außer der Schwierigkeit, eine vollständige Hei­ligenliste aufzustellen, ergibt sich die Frage, welche der bisher gewonnenen Namen dem Adel zuzurechnen sind.

Clemens August Kardinal Graf von Galen

In der Tat ist es nicht immer einfach, die adelige Herkunft einer Person mit Gewißheit auszuma­chen. Einerseits war nämlich die Entwicklung des Adelsbegriffs fortschreitend und höchst organisch und geprägt von den Eigenschaften verschiedener Völker und Regionen, was gelegentlich eine genaue Antwort auf die Frage erschwert, wem denn nun die Ehre der Zugehörigkeit zum Adelsstand gebührt; andererseits gibt es erhebliche Schwierig­keiten bei der zuverlässigen Bestimmung der Vor­fahren einer Person. Übrigens ist genau das der Punkt, der viele dazu führte, führt und immer wieder führen wird, sich über lange Zeit hinweg der Nachforschung nach der genealogischen Her­kunft verschiedener Personen zu widmen. Es ist also oft schwierig, die gesellschaftliche Herkunft eines Heiligen auszumachen.

Im Hinblick auf all diese Probleme ging es darum, Forschungsquellen auszuwählen, die so vollständig wie möglich, gleichzeitig aber auch gänzlich glaubwürdig waren, um eine Statistik auf­zustellen, welche annähernd genau die Anzahl der Adeligen unter den Heiligen widergibt.

Die Wahl fiel daher auf den Index ac Status Causarum,3 der eine amtliche Veröffentlichung der Kongregation für die Angelegenheiten der Heili­gen ist, Nachfolger der vormaligen Ritenkongrega­tion. Es handelt sich um „eine außerordentliche und weitumfassende Ausgabe zur IV. Jahrhundert­feier der Kongregation, welche alle von der Kongregation zwischen 1588 und 1988 behandel­ten Prozesse enthält, sowie zusätzlich die älteren, im Geheimarchiv des Vatikans aufbewahrten Prozesse“.

Heilige Hedwig von Polen

Das Werk enthält zudem mehrere Anhänge, von denen drei besonders interessant sind. Im ersten werden, ausgehend vom Index ac Status Causa­rum, den Pater Beaudoin 1975 herausgegeben hat, die Bestätigungen der Kulte aufgelistet, wobei einige Namen von Seligen hinzugefügt bzw. gestri­chen werden, die nachträglich in den Heiligenka­talog aufgenommen worden waren. Im zweiten Anhang gibt es eine Liste derjenigen, die seit der Einrichtung der Ehrwürdigen Ritenkongregation seliggesprochen wurden, deren Kanonisierung aber noch aussteht. Im dritten Anhang werden schließlich die Heiligen aufgezählt, deren Angele­genheit von der Ehrwürdigen Ritenkongregation behandelt wurden, einschließlich der Fälle der gleichwertigen Kanonisierungen.

Mit dieser Namensliste wurden die im Werk Bibliotheca Sanctorum4 enthaltenen Biografien verglichen, um die Adelszugehörigkeit herauszu­finden. Kardinal Pietro Palazzini, ehemaliger Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechung, hat dieses Werk geleitet, und es gilt als die vollständigste Aufzäh­lung all derer, die seit den Anfängen der Kirche verehrt worden sind.

Heilige Katharine Maria Drexel

Da es nicht Hauptzweck der Bibliotheca Sanctorum ist, die gesellschaftliche Herkunft der erwähnten Personen anzugeben, sondern vielmehr mit der Verehrung zusammenhängende Probleme, ist es häufig aus Angabenmangel unmöglich, einen Adeligen von einem Nichtadeligen zu unterschei­den. Um klare Kriterien aufrechtzuerhalten, wurden außerdem aus Prinzip nur solche Adelige mitgezählt, von denen das Werk bestätigt, daß sie adelig oder adeliger Herkunft sind. Diejenigen, von denen der Text lediglich angibt, sie gehörten „wichtigen, bekannten, alten, mächtigen usw.“ Familien an, wurden nicht in die Liste aufgenommen. Man hat also lieber darauf verzichtet, Personen, deren adelige Herkunft ernsthaft zu vermuten oder auf dem Weg über andere Quellen mit Sicherheit fest­stellbar war, aufzunehmen, um Zweifelsfälle aus­zuschließen.

Außerdem erschien es geboten, um eine höhere Genauigkeit der Statistik zu erreichen, die nachste­henden Kategorien nach dem Index ac Status Cau­sarum zu unterscheiden:

– die nach einem kanonischen Prozeß kanoni­sierten Heiligen;

– die nach einem kanonischen Prozeß seligge­sprochenen Seligen;

– diejenigen, deren Kult bestätigt wurde;

– die Diener Gottes, deren Seligsprechungs­prozeß noch nicht abgeschlossen ist.

Es wird nun die prozentuelle Verteilung auf diese Gruppen angegeben, wobei darauf geachtet wurde, in jeder Gruppe zu unterscheiden zwischen denen, die einer individuellen Prüfung unterzogen wurden und jenen, die einer Gruppe angehören, die in ihrer Gesamtheit im Zuge eines Prozesses beurteilt wurden, wie etwa die japanischen, englischen oder vietnamesischen Märtyrer.5

Heilige Jeanne d’Arc

Um die Prozentanteile in diesen verschiedenen, statistischen Aufstellungen richtig beurteilen zu können, ist es wichtig, den Durchschnittsanteil der Adeligen an der Gesamtbevölkerung eines Landes zu kennen. Wir beschränken uns auf zwei Beispie­le, die sowohl charakteristisch, als auch sehr ver­schieden sind.

Nach den Angaben des angesehenen österrei­chischen Geschichtswissenschaftler J. B. von Weiß, der sich dabei auf Angaben von Taine stützt, betrug der Anteil der Adeligen an der Gesamtbevölkerung Frankreichs vor der Französischen Revolution nicht einmal 1,5%.6

Seinerseits stellt G. Marinelli in seiner geogra­phischen Arbeit La Terra7  unter bezug auf das Werk Das Russische Reich (Leipzig, 1880) von Peschel-Krümel, eine Statistik des russischen Adels zusammen, nach der diese Gesellschafts­klasse nicht mehr als 1,15 % der Gesamtbevölke­rung ausmachte, selbst wenn man den Erb- und den persönlichen Adel zusammenzählt. In der gleichen Arbeit Marinellis lesen wir, daß Reclus im Jahre 1879 eine ähnliche Statistik erstellte, die zu einem Wert von 1,3 % kommt. Van Löhen gelangt 1881in gleicher Weise zu dem Resultat von 1,3%.

Offensichtlich zeigen diese Prozentsätze ge­ringfügige Unterschiede, die sich aus zeitlichen und räumlichen Verschiebungen in der Erhebung ergeben, sie sind jedoch nicht sehr bedeutsam.

Venerabile Anna de Guignè, 25. April 1911 – 14. Januar 1922.

Die Daten, die wir vorher angeführt haben, zeigen, daß in jeder dieser Kategorien (Heilige, Selige, Bestätigung der Kulte und laufenden Pro­zesse) der Prozentanteil der Adeligen bedeutend höher ist, wie ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung eines Landes.8 Das straft die Äußerungen der Revolutionäre Lügen, die behaupten, daß die Zugehörigkeit zum Adel und die Lebensge­wohnheiten dieser Klasse mit einem tugendhaften Verhalten unvereinbar seien.

HEILIGE
                                        Personen           Adelige                   %
Individuelle Prozesse        184                   40                           21,7
Gruppenprozesse (11)       364                   12                           3,3
Gesamt.                            548                   52                           9,5
SELIGGESPROCHENE
                                        PERSONEN     ADELIGE               %
Individuelle Prozesse        182                   22                           12,0
Gruppenprozesse (26)       1074                 46                           4,3
Gesamt                             1256                 68                           5,4
BESTÄTIGUNG DES KULTES
                                        PERSONEN ADELIGE         %
Individuelle Prozesse        336                   107                         31,8
Gruppenprozesse (24)       1087                 10                           0,9
Gesamt                             1423                 117                         8,2
LAUFENDE SEELIGSPRECHUNGSPROZESSE (1993)
                                        PERSONEN   ADELIGE                 %
Individuelle Prozesse        1331              149                            11,2
Gruppenprozesse (146)     2671              13                              0,5
Gesamt                             4002              162                            4,0

 

 

 

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1. T. ORTOLAN, Stichwort Canonisation, in Dictionnaire de Théologie Catholique, Letouzey et Ane, Paris, 1923, Bd. II, Zweiter Teil, col. 1636.

2. Vgl. ANDRE VAUCHEZ, La Sainteté en Occident aux derniers siècles du Moyen Age, Ecole française de Rome, Palais Farnese, 1981; JOHN F. BRODERICK SJ, A Census of the Saints (993-1955)  in The American Ecclesiastical Review, August 1956; PIERRE DELOOZ, Sociologie et Canonisations, Martinus Nijhoff, Den Haag, 1969; DANIEL RUIZ BUENO, Actas de los Martires, BAC, Madrid, 1951; Archives de Sociologie des Religions, veröffentlicht von der Gruppe Religionssoziologie, Editions du Centre National de la Recherche Scientifique, Paris, Januar-Juni 1962.

3. Congregatio pro Causis Sanctorum, Vatikanstadt, 1988, 556 Seiten.

4. Institut Johannes XXIII. der Päpstlichen Lateran-Universität, 12 Bände, (1960-1970); Anhang (1987).

5. Der Index ac Status Causarum gibt die genaue Anzahl der Personen nicht an, die in einigen dieser Rubriken überprüft werden, so daß es unmöglich ist, ihre genaue Anzahl anzugeben. Die so bezeichneten Zahlen der Statistik sind deshalb geschätzt.

6. siehe: Historia Universal, Bd. XV, T.I, Tipografia la Educacion, Barcelona, 1931, S. 212.

7. La Terra – Trattato popolare di Geografia Universale, Casa Editrice Francesco Vallardi, Milano, 7 Bd., 8450 Seiten.

8. Man beachte in den verschiedenen statistischen Aufstellungen, die bemerkenswerten Differenzen des Prozentanteiles der Adeligen bei den individuellen Seligsprechungsprozessen und den Gruppenprozessen. Das ist vor allem durch zwei Motive zu erklären: Zum einen nennt die Bibliotheca Sanctorum in vielen dieser Prozesse nur die Namen, ohne biographische Daten anzugeben, die es gestatten würden festzustellen, ob es sich um Adelige oder Bürgerliche handelt. Zum anderen beziehen sich die meisten Gruppenprozesse auf Gruppen von Märtyrern. Es war außerdem normal, daß die Verfolgungen die gesamt katholische Bevölkerung betrafen, ohne Ansehen des sozialen Standes, weshalb es nur natürlich ist, daß sich unter den Märtyrern eine ebenso große Anzahl Adeliger befand, wie es ihrem Prozentanteil an der Gesamtbevölkerung entsprach.

 

Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen Pius’ XII. an das Patriziat und an den Adel von Rom von Plinio Corrêa de Oliveira, DOKUMENTE XII.

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Das heutige Unverständnis gegenüber dem Adel und analogen traditionellen Eliten rührt zum großen Teil von der geschickten, wenn auch völlig unsachlichen Propaganda her, welche die Franzö­sische Revolution gegen sie geführt hat.

Die ernsthafte Geschichtsschreibung hat mit wachsendem Erfolg jene Propaganda bekämpft, die während des 19. und 20. Jahrhunderts unauf­hörlich von ideologischen und politischen Nachfolgeströmungen der Französischen Revolution genährt und un­terhalten wurde. In gewissen Bereichen der Mei­nungsbildung jedoch besteht diese Propaganda auch noch weiterhin fort. Es ist daher nicht ganz unwichtig, wenn das vorliegende Werk sich dazu äußert.

Nach Meinung der Revolutionäre von 1789 bestand der Adel hauptsächlich aus Genießern des guten Lebens, welche ehrenvolle und bedeutende wirtschaftliche Privilegien innehatten, die es ihnen erlaubten, nach Herzenslust von den Verdiensten zu leben, die ihre fernen Vorfahren erworben hatten; daher konnten sie sich den Luxus leisten, ausschließlich die Freuden des irdischen Lebens auszukosten. Und, was noch schlimmer ist, besonders die Freuden der Muße und der Wollust.

Diese Klasse von Genießern sei außerdem in hohem Maße unerträglich für die Nation, zum Nachteil der armen Klassen, die nun ihrerseits zweifelsohne arbeitsam, ehrbar und dem Gemein­wohl nützlich seien.

Dies alles führt zu der Vorstellung, das einem Adeligen eigentümliche Leben mit all seinem ihm innewohnenden Glanz und seiner Verschwendung lade von selbst zu einer Haltung von moralischer Laxheit ein, grundverschieden von der Askese, welche die christlichen Prinzipien erforderten.

Ohne zu bestreiten, daß an dieser Version etwas Wahres dran ist, denn im Adel und in den entspre­chenden Eliten des auslaufenden 18. Jahrhun­derts hatten sich schon – als Vorläufer – Zeichen der schrecklichen moralischen Krise unserer heutigen Tage bemerkbar gemacht, muß doch betont werden, daß diese dem guten Ruf der adeligen Klasse schädliche Version weit mehr Falsches als Richtiges enthielt.

Dies beweist unter anderem die Geschichte der Kirche selbst durch die große Zahl der Adeligen, die auf die Ehre der Altare erhoben wurden. Auf diese Weise wird die heldenhafte Ausübung der Zehn Gebote sowie der evangelischen Räte durch die Adeligen bezeugt.

Von daher konnte der heilige Pierre Julien Eymard sagen, daß „die Annalen der Kirche zeigen, daß eine große Zahl der Heiligen – und deren die berühmtesten – ein Wappen aufwiesen, vornehmen Namen und Familie besaßen: einige waren sogar königlichen Blutes. 1

Verschiedene dieser Heiligen zogen sich aus der Welt zurück, um auf sicherem Wege die heldenhaf­te Tugend zu erlangen. Andere jedoch wie der Hl. König Ludwig von Frankreich und der Hl. König Ferdinand von Kastilien behielten ihre Lage unverändert bei und erreichten die Heldentugend, indem sie vollständig innerhalb der ihnen eigenen aristokratischen Standesbedingungen lebten.

Zur Vervollständigung der Richtigstellung jener Versionen, deren Absicht es ist, den Adel sowie die von ihm umfaßten Gewohnheiten und Lebensfor­men zu verleumden, wurde gelegentlich unter­sucht, wie hoch die Zahl der Adeligen unter den von der Kirche verehrten Heiligen war.

Es war indessen unmöglich, eine spezifische Forschungsarbeit diesbezüglich aufzufinden. Einige Forscher behandelten diese Frage, ohne jedoch darüber eine genaue und ausführliche Un­tersuchung angestellt zu haben. Ihre Berechnungen beruhen auf Listen, die sich als unvollständig her­ausgestellt haben.

der Heilige Ludwig IX. von Frankreich

Besondere Beachtung verdient eine Arbeit von Andre Vauchez, Professor der Universität Rouen, unter dem Titel La Sainteté en Occident aux der­niers siècles du Moyen Age,2 die auf den Heiligsprechungsprozessen und hagiografischen Urkunden des Mittelalters beruht.

Sie zeigt eine Statistik aller von Päpsten ange­ordneten Prozesse „de vita, miraculis et fama“ zwischen 1198 und 1431. Es handelt sich insge­samt um 71 Prozesse, von denen 35 zu dem Schluß gelangten, daß die von ihnen untersuchten Perso­nen verdienen, auf die Ehre der Altare gehoben zu werden.

Vauchez gibt folgende Statistik an:

Zwischen 1198 und 1431 angeordnete Prozesse zur Heiligsprechung (71 Fälle)
Adelige                            62,0%
Mittelschicht                      5,5%
Volk                                   8,4%
Unbekannte gesellschaftliche Herkunft                                        14,1
Von einem Papst des Mittelalters Heiliggesprochene (35 Fälle)
Adelige                            60,0%
Mittelschicht                    17,1%
Volk                                   8,6%
Unbekannte gesellschaftliche Herkunft                                        14,3%

Obwohl hochinteressant, können diese Angaben den Wunsch nach einem vollständigeren Bild nicht erfüllen, da sie sich auf eine sehr be­schränkte Personenzahl und auf einen relativ kurzen Zeitraum beziehen.

Damit stellt sich die Notwendigkeit einer Un­tersuchung, die – ohne allerdings das Thema damit zu erschöpfen – einen größeren Personen­kreis sowie eine weitere Zeitspanne umfassen müßte.

Einer solchen Aufgabe haben sich nun jedoch einige beträchtliche Schwierigkeiten entgegenge­stellt.

Vor allem die Tatsache, daß es eine offizielle Liste der von der Katholischen Kirche verehrten Heiligen nicht gibt.

Dies ist eine allerdings sehr verständliche Schwierigkeit, denn das Nichtvorhandensein einer solchen Liste steht im Zusammenhang mit der Kir­chengeschichte selbst und mit der fortschreitenden Vervollständigung ihrer Institutionen.

der Heilige Edith Stein

Der Heiligenkult hatte in der Katholischen Kirche mit der Verehrung der Märtyrer begonnen. Die örtli­chen Gemeinden ehrten einige ihrer Mitglieder, die Opfer von Verfolgungen geworden waren.

Von den Tausenden jener, die in den ersten Jahrhunderten der Kirche zum Zeugnis des Glau­bens ihr Blut vergossen hatten, sind uns lediglich ein paar hundert Namen überliefert, sei es aus den Gerichtsakten – von den Heiden verfaßt –, welche die mündlichen Prozesse aufgezeichnet haben, sei es aus Augenzeugenberichten der Märtyrer.

Neben der Tatsache, daß Unterlagen dieser Art in bezug auf alle Märtyrer fehlen, wurden viele dieser Gerichtsakten – deren Lesung die Seelen der ersten Christen entflammte und ihnen ein Bei­spiel zum Ertragen neuer Drangsalierungen gab ­- während der verschiedenen Verfolgungen, beson­ders unter Dioklezian, zerstört.3

Daher ist es schließlich unmöglich, all jene Märtyrer zu kennen, die in den ersten Jahrhunder­ten der Kirche Objekt der Verehrung von Seiten der Gläubigen gewesen waren.

Kaiser Heinrich II. und seine Frau Kunigunde.

Mit dem Ende der Verfolgungen und über einen langen Zeitraum hinweg wurden die Heiligen von beschränkten Gruppen von Gläubigen verehrt, ohne vorherige Untersuchung und ohne das Urteil einer kirchlichen Autorität.

Mit erhöhter Beteiligung der Autoritäten bei der Organisierung katholischer Gemeinden wuchs spä­terhin auch die Rolle dieser Autoritäten bei der Auswahl der Verehrungswürdigen. Die Bischöfe gingen dazu über, die Errichtung eines bestimmten Kultes zu gestatten und häufig auf Bitten der Gläubigen hin zu bestätigen, indem sie die Reliquien eines treuen Heiligen aushoben und überführten.

Erst gegen Ende des ersten Jahrhunderts fing der Papst an, gelegentlich in die offizielle Heiligspre­chung einzugreifen. In dem Maße, in dem die Macht der römischen Päpste sich festigte und die Kontakte mit ihnen häufiger wurden, gingen die Bischöfe dazu über, den Papst um Bestätigung des Kultes zu bitten, was zum ersten Male im Jahre 993 vorkam.

der Heilige Bonifatius

Später, im Jahre 1234, machen die Verordnun­gen die Inanspruchnahme des Heiligen Stuhls erforderlich und reservieren dem Papst das Recht auf Heiligsprechung.

Zwischen diesen beiden Zeitpunkten jedoch gehen viele Bischöfe bei der Reliquienüberführung und der Bestätigung des Kultes nach den bisherigen Sitten vor.

Ab 1234 werden die Prozesse zur Bestimmung der Heiligenverehrung Schritt für Schritt vervoll­kommnet.

Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts gründet sich die päpstliche Entscheidung auf eine Vorentscheidung, die von einem Kollegium durchgeführt wurde, das aus drei für diesen Zweck besonders beauftragten Kardinälen besteht. Und bei dieser Form blieb es bis 1588, wo die Prozesse der Kongrega­tion für Riten übergeben und anvertraut wurden, die im Jahr vorher von Papst Sixtus V gegründet worden waren.

Im 17. Jahrhundert erreichte diese Entwick­lung ihren Abschluß.

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1 Mois de Saint Joseph, le premier et le plus parfait des adorateurs – Extrait des écrits du P. Eymard,  Desclée de Brouwer, Paris, 7. Ausgabe, S. 62.

2 Ecole française de Rome, Palais Farnese, 1981, 765 Seiten.

3 Vgl. DANIEL RUIZ BUENO, Actas de los Martires. BAC, Madrid, 1951.

 

­Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen Pius’ XII. an das Patriziat und an den Adel von Rom von Plinio Corrêa de Oliveira, DOKUMENTE XII.

 

Fortsetzung folgt

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Die Zeichen dieser zärtlichen Liebe waren überall zu finden, denn der mittelalterliche Mensch suchte stets nach Möglichkeiten, die unendliche Vollkommenheit Christi durch greifbare Symbole auszudrücken. Tatsächlich sucht die Liebe nichts anderes, als sich selbst zu verschenken und ihre großen Reichtümer allen anderen weiterzugeben.

Kathedrale von Metz

Taylor sagt dazu: „Das Bedürfnis, das Unendliche und Universale durch Symbole zu erfassen, war die Inspiration der mittelalterlichen Kunst: es baute die Kathedralen, malte ihre Fenster, füllte ihre Nischen mit Statuen, schnitzte Abbilder der Propheten, stellte die Gottesgaben der verschiedenen Jahreszeiten, die Laster und Tugenden der Seele und ihre ewige Bestimmung dar und bereicherte zugleich die Liturgie mit symbolischen Worten und Taten.”366

 

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366 ebd., 21. Henry Osborn Taylor sah diese Bewegung als eine poetische Weiterentwicklung dessen, was der mittelalterliche Mensch von den Kirchenvätern übernommen hatte: „So nahmen Heilige, Dichter und Handwerker gemeinsam das Christentum in Besitz und belebten damit das, was ihnen von den lateinischen Vätern hinterlassen worden war, durch Nachdenken, durch Liebe, durch Umsetzung in ihrem täglichen Leben, durch ihr Vorstellungsvermögen, indem sie es in Poesie und Kunst verwandelten.” (ibid).

 

Rückkehr zur Ordnung: Von einer hektischen, getriebenen Wirtschaft zu einer organischen christlichen Gesellschaft, von John Horvat II

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„Zwei Dinge begreift man leicht:

 

Erstens, daß diese Religion, die jeder Stadt eigen war, den Bau des Gemeinwesens sehr stark, ja fast unerschütter­lich gründen mußte; es ist in der Tat merkwürdig, wie lange diese soziale Organisation trotz ihrer Fehler und trotz der Gefahren, die sie barg, gedau­ert hat.

 

Zweitens, daß diese Religion durch lange Jahrhunderte das Aufkommen einer anderen sozia­len Form als die der Stadtgemeinde verhindern mußte.

Gemälde von Hubert Robert

Jede Stadtgemeinde mußte vollständig unab­hängig sein; die Religion selbst erforderte dies. Jede mußte ihr eigenes Gesetzbuch haben, weil jede ihre Religion hatte und weil das Gesetz eben von der Religion herrührte. Jede mußte ihre leiten­de Justiz haben und die Justiz der Stadt war von jeder andern unabhängig. Jede hatte ihre religiö­sen Feste und ihren Kalender; in zwei Städten konnten die Monate und das Jahr nicht dieselben sein, weil die Reihenfolge der religiösen Handlun­gen eine verschiedene war. Jede hatte ihr besonde­res Geld, das zu Anfang gewöhnlich mit religiösen Sinnbildern bezeichnet war. Jede hatte ihr Maß und ihre Gewichte. Man erlaubte nicht, daß zwischen zwei Städten etwas gemeinsam war. …

 

Griechenland war es niemals gelungen, einen einzigen Staat zu bilden; weder die römischen noch die etruskischen Städte, noch die samnitischen Tribus haben jemals eine geschlossene Vereini­gung bilden können. Man hat das unheilbare Zer­teilungsbedürfnis der Griechen der Natur ihres Landes zugeschrieben, und man sagte, daß die Gebirge, die sich dort kreuzten, zwischen den Men­schen natürliche Grenzlinien festsetzten. Aber zwi­schen Theben und Platäa, zwischen Argos und Sparta, zwischen Sybaris und Croton gab es keine Gebirge. Es gab auch keine zwischen den Städten Latiums noch zwischen den zwölf Städten Etru­riens. Die physische Natur hat ohne Zweifel irgend einen Einfluß auf die Geschichte der Völker, aber die Glaubenslehren des Menschen haben einen weit mächtigeren. Zwischen zwei nachbarlichen Städten gab es etwas Unüberschreitbareres als ein Gebirge: Es waren dies die Reihe der heiligen Grenzsteine, die Verschiedenheit der Kulte, die Schranke, die jede Stadt zwischen dem Fremden und ihren Göttern aufstellte. …

Louvre G 149: Schale: Jüngling mit Phiale am Altar

Aus diesem Grunde konnten die Alten eine andere soziale Organisation wie die einer Stadtge­meinde nicht einführen, ja selbst nicht einmal be­greifen. Weder die Griechen noch die Italer, noch die Römer selbst konnten es lange Zeit begreifen, daß mehrere Städte sich vereinigen und unter der­selben Herrschaft leben konnten. Zwischen zwei Städten konnte es wohl ein Bündnis geben, eine augenblickliche Vereinigung, wenn es galt, einen Gewinn zu ziehen oder eine Gefahr zurückzuwei­sen, aber niemals entstand eine vollständige Eini­gung. Denn die Religion machte aus jeder Stadt eine eigene Körperschaft, die sich keiner anderen anschließen und anpassen konnte. Die Absonde­rung galt als Gesetz, das die Stadt aufstellte.

Der Zeus Streitwagen

Wie hätten sich auch mehrere Städte mit diesen religiösen Glaubenslehren und Bräuchen, die wir kennen gelernt haben, zu einem Staate vereini­gen können? Ein Gesellschaftsgebilde sah man dann erst als ein regelrechtes an, wenn es auf religiöser Grundlage ruhte. Das Sinnbild dieser Vereinigung mußte ein gemeinsam abgehaltenes, heiliges Mahl sein. Einige tausend Bürger konnten sich wohl, wie es der Gebrauch war, um ein und dasselbe Prytaneion versammeln, dassel­be Gebet sagen, die heiligen Speisen untereinan­der teilen. Aber man versuche es, mit diesen Gebräuchen aus ganz Griechenland einen einzigen Staat zu bilden! …

Die Sezession des Volkes an den Mons Sacer, von B.Barloccini, 1849

Zwei Städte zu einem einzigen Staate, die be­siegte Bevölkerung mit der siegreichen unter der­selben Herrschaft vereinigt, das sieht man niemals bei den Alten, mit einer einzigen Ausnahme …

Diese unbeschränkte Unabhängigkeit der alten Stadt konnte erst aufhören, als die Glaubenslehren, auf denen sie gegründet war, vollständig ver­schwunden waren. Erst nachdem sich die An­schauungen geändert hatten und mehrere Revo­lutionen durch diese antiken Gesellschaften ge­gangen waren, konnte man dazu gelangen, einen von anderen Gebräuchen beherrschten größeren Staat zu begreifen und zu bilden. Aber dazu mußten die Menschen andere Grundsätze und ein anderes soziales Band als das der alten Zeiten erfinden“.1

 

1 Idem, S. 242-247.

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Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen Pius’ XII. an das Patriziat und an den Adel von Rom von Plinio Corrêa de Oliveira, Dokumente VII, No. 7.

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6. Staat und Stadt

„Staat und Stadt waren keine synonymen Worte bei den Alten. Der Staat war die religiöse und politische Vereinigung der Familien und Tribus; die Stadt war der Vereinigungsort, die Wohnstätte und ganz besonders das Heiligtum dieser Verbin­dung. …

Sobald einmal die Familien, die Phratrien und die Tribus sich zu einigen und denselben Kult auszuüben beschlossen hatten, gründete man die Stadt, damit sie das Heiligtum dieses gemein­schaftlichen Kult sei. So war die Gründung einer Stadt immer ein religiöser Akt.

Weinfest aus Schröders Sammlung. Gemälde von Lawrence Alma-Tadema.

Wir werden als erstes Beispiel die Stadt Rom selbst anführen. …

Ist der Tag der Gründung angebrochen, so bringt er [Romulus] zuerst ein Opfer. Seine Gefährten sind rings um ihn versammelt; sie zünden aus Gestrüpp ein Feuer an, und jeder springt durch die leichte Flamme. Die Erklärung dieses Brau­ches liegt darin, daß das Volk zu dem Akte, der sich vollziehen wird, rein zu sein hat: Die Alten glaub­ten nämlich, sich von jedem physischen oder mo­ralischen Makel rein waschen zu können, indem sie durch die heilige Flamme sprangen.

Romulus markiert die Grenzen von Rom. Gemälde von Cesari, Guiseppe (1568-1640).

Sobald diese einleitende Zeremonie das Volk zum großen Gründungsakte vorbereitet hat, gräbt Romulus eine kleine Grube von kreisartiger Form. Er wirft eine Scholle Erde hinein, die er von der Stadt Alba gebracht hat. Darauf wirft jeder seiner Gefährten, sich nähernd, gleich ihm etwas Erde hin, die er von dem Lande, aus dem er kommt, gebracht hat. Dieser Brauch ist bemerkenswert, und er enthüllt uns bei diesen Menschen einen Gedanken, der Erwähnung verdient. Bevor sie auf den Palatin kamen, bewohnten sie Alba, oder irgend eine andere der nachbarlichen Städte. Hier war ihr Herd; hier hatten ihre Väter gelebt und waren begraben worden. Die Religion verbot nun, die Erde zu verlassen, wo der Herd aufgestellt war und wo die göttlichen Vorfahren ruhten. So mußte denn eine List ersonnen werden, um keinerlei Frevel zu begehen, und all diese Männer trugen unter dem Symbol einer Schaufel Erde, den heili­gen Boden mit sich, wo ihre Vorfahren begraben und an den ihre „Manen“ (Seelen der Vorfahren)  gebunden waren. Der Mensch konnte nur seinen Wohnort wechseln, wenn er seinen Boden und seine Vorfahren mit sich führte; dieser Brauch mußte ausgeübt werden, damit er, auf den neu adoptierten Platz hindeutend, sagen könne: Das hier ist noch die Erde meiner Väter, terra patrum, patria; hier ist meine Heimat, denn hier sind die Manen meiner Familie.1

1 Idem, S. 153, 155 und 156.

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Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen Pius’ XII. an das Patriziat und an den Adel von Rom von Plinio Corrêa de Oliveira, Dokumente VII, No. 6.

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„Die Tribus, die Familie, so wie die Phratrie waren zu einer unabhängigen Körperschaft gewor­den, weil sie einen besonderen Kult hatten, von dem der Fremde ausgeschlossen war. Einmal ge­bildet, ließ sie keine neue Familie mehr zu. Zwei Tribus konnten nicht mehr zu einer verschmelzen; ihre Religion widersetzte sich dagegen. Aber so wie sich einige Phratrien zu einer Tribus vereinten, so konnten sich auch einige Tribus vereinigen, vorausgesetzt, daß sie ihre Kulte gegenseitig ehrten. Am Tage, wo diese Vereinigung stattfand, entstand der städtische Staat. Es ist von geringer Bedeutung, die Ursache zu suchen, die mehrere nachbarliche Tribus bewog, sich zu vereinigen. Bald geschah die Vereinigung freiwillig, bald wurde sie durch die höhere Kraft einer Tribus oder durch den mächtigen Willen eines Menschen her­beigeführt. Sicher ist aber, daß das Band dieser netten Vereinigung wieder ein Kult war.

Antikkens Rom. Gemälde von Wenceslas Hollar

Die Tribus, die sich zur Bildung einer Stadt vereinig­ten, unterließen es nie, ein heiliges Feuer anzu­zünden und sich eine gemeinsame Religion zu geben. So hat sich die menschliche Gesellschaft in dieser Rasse nicht nach Art eines Kreises vergrößert, der sich nach und nacht erweitert und immer weitere Verbreitung findet. Ganz im Ge­genteile haben sich kleine Gruppen, die schon lange vorher bestanden, zusammen getan. Mehrere Familien haben die Phratrie gebildet, mehrere Phratrien die Tribus, mehrere Tribus die Stadt. Familie, Phratrie, Tribus, Stadt sind Gesell­schaftsgebilde, die einander genau gleichen und die durch eine Reihe von Verbindungen, eines aus dem anderen, entstanden. Es muß sogar bemerkt werden, daß je nachdem sich diese verschiedenen Gruppen untereinander vereinigten, keine von ihnen trotzdem ihre Individualität, ihre Unabhän­gigkeit einbüßte.

 

Wenn sich auch mehrere Familien in einer Phratrie vereinigt hatten, blieb doch jede so, wie sie zur Zeit ihres Alleinseins gewesen war, nichts wurde in ihr geändert, weder ihr Kult, noch ihr Priestertum, noch ihr Eigentumsrecht, noch ihre Justiz im Innern. Hernach bildeten sich kleine Kurien, aber jede behielt ihren Kult, ihre Ver­sammlungen, ihre Feste, ihr Oberhaupt. Von den Tribus ging man zur Stadt über, aber die Tribus waren deshalb nicht aufgelöst, und jede von ihnen bildete weiter eine Körperschaft, als ob die Stadt nicht existierte. …

Im Haus des Prinzen Napoleon. Gemälde von Gustave Boulanger.

 

So ist die Stadt nicht eine Vereinigung von Indi­viduen: sie ist eine Vereinigung von mehreren Gruppen, die vor ihr gebildet waren, und die sie fortbestehen läßt. Man sieht bei den attischen Rednern, daß jeder Athener zu gleicher Zeit an vier verschiedenen Gesellschaften teilnimmt; er ist Mit­glied einer Familie, einer Phratrie, einer Tribus und der Stadt“.1

 

1. Idem, S. 144, 145 und 146.

 

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Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen Pius’ XII. an das Patriziat und an den Adel von Rom von Plinio Corrêa de Oliveira, Dokumente VII, No. 5.

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Der hl. Augustinus

Eine Lektüre, die ich jedem empfehlen kann, sind die „Bekenntnisse“ des hl. Augustinus (354-430). Es ist eine Lektüre, die in ihren strikten biographischen Aspekten, unter allen Gesichtspunkten, etwas wunderbares ist.

Es ist vor allem eine Erbauungslektüre: die Psychologie der Bekehrung, wenn er beschreibt, wie er selbst sich bekehrte, alle seine Sünden, alle Irrtümer, alle Abgründe, in denen er gefallen ist, der Hochmut, der sich zerbrach, nachdem er gesehen hatte, zu was er alles fähig war; sein erster Kontakt mit dem hl. Ambrosius (340-430), Bischof von Mailand, die ersten Prinzipien, die ersten Lichter der Idee einer Religion, die allmählich durch die Anwesenheit des hl. Ambrosius in seine Gedanken eindrangen, als er noch nicht katholisch war.

Er hatte eine so große Begeisterung für den hl. Ambrosius, dass er ihn in seinem Haus aufsuchte, um sich mit ihm zu unterhalten. Doch Ambrosius, der die modernen Techniken des Apostolats nich kannte, trotzdem ein großer Apostel war, lies dem Augustinus sagen, dass er keine Zeit für ihn hatte, da er wichtiges zu schreiben hatte, und fuhr mit seinem Schreiben fort. Augustinus setzte sich in der Nähe und schaute dem großen Schreiber mit Begeisterung zu.

Ambrosius wusste, dass er durch das Apostolat der Anwesenheit viel mehr erreichen würde als durch das Apostolat des Wortes. Dem einen schrieb er, dem anderen erstrahlte er; bekehrte diejenigen, denen er schrieb und bekehrte den, dem er erlaubte ihm zuzuschauen. Wie gerne würde ich diese Szene durch eine Luke betrachten! Ambrosius, der große Kirchenlehrer, in einem Follianten schreibend, mit dem Antlitz eines ehwürdigen Alten, gelassen, erleuchtet durch die Gnade Gottes, weise, in sich gekehrt, erhaben in seinen Urteilen, ab und zu das Schreiben unterbrechend, um ein Stoßgebet zu verrichten, etwas nachdenklich bevor er eine Schlussfolgerung formuliert, und vor ihm Augustinus, der in seinem Gesicht noch die krampfartigen Züge einer Krise, die er gerade durchmachte. Doch Gottes Gnade wirkte in Augustinus und bearbeitete sein Inneres durch der Bewunderung des hl. Ambrosius.

Dann die bekannte Bekehrung des Augustinus, in der die Kirchenmusik eine große Rolle gespielt hat. Er erzählt, dass, wenn er in eine Kirche ging und dort die sakrale Musik hörte, das Singen der Psalmen, er eine Gewalt, das Tosen seiner Reue und den Ruhm Gottes verspührte, das fast einer Verzückung gleichkam.

Und dann beschreibt er die bekannte Gewissenskrise und die Szene seiner Bekehrung. Er hört eine Stimme, die ihm sagt: tolle, lege; nimm und lies! Er nimmt das Buch, das da liegt, es ist die Heilige Schrift. Er liest sie und seine Bekehrung ist beschlossen.

Weiter beschreibt er seine bekannte Unterhaltung mit seiner Mutter, der hl. Monika (331-387) in Ostia. Monika war eine extrem gütige Person, eine Heilige und er, ein sehr schlechter Sohn. Es kam einmal zu einer schmerzlichen Szene. Er wollte nach Rom (er wohnte in Afrika) und seine Mutter wollte mit ihm reisen. Er ist vor seiner Mutter geflüchtet und fuhr allein nach Rom. Sie blieb zurück, betete und weinte viel um die Bekehrung ihres Sohnes. Irgendwann ist sie ihm nachgefahren und besuchte dann den Bischof von Mailand, den hl. Ambrosius, und fragte ihn, ob er meine, dass sich ihr Sohn bekehren würde. Er antwortete: “Frau, ich habe nicht viel Zeit, um mit dir zu sprechen, doch eines will ich dir sagen: Gott kann einem Sohn so vieler Tränen nicht widerstehen.” Das heisst, es sollte eine neue Geburt des Sohnes sein, diesmal aber aus tiefer Trauer, Schmerz und Tränen.

Man kann sich ihre Freude vorstellen, als sie, gegen aller Erwartung, sieht, dass sich ihr verlorener Sohn bekehrt. Sie wollen beide nach Afrika zurück, um wieder in Karthago zu wohnen. Sie erreichten die Hafenstadt Ostia, wo sie sich einquartieren. Am Abend, setzen sie sich am Fenster der Herberge und unterhalten sich. Augustinus erzählt, dass sie über den Himmel sprachen. Man kann sich vorstellen, wie dieses Gespräch sich entwickelte, eine heilige Mutter, ein heiliger Sohn. Beide gerieten in einer Art Verzückung. Augustinus erzählt, dass diese Verzückung für ihn ein Licht war, das ihn Mut gab, alle Kämpfe des Lebens zu durchstehen. Für die Mutter, war es ein Vorfreude des Himmels, da sie kurz darauf noch in Ostia gestorben ist. Er wohnt noch dem Begräbnis der Mutter bei und fährt zurück nach Afrika, wo er später (395) Bischof von Hippo wird.

In Hippo schrieb er unter anderem sein bekanntes Buch “Die Stadt Gottes”, in dem er sozusagen das Prinzip, die Grundlage der Doktrin von Revolution und Gegenrevolution darstellt. Das Prinzip, welches er dort beschreibt, ist, dass es auf der Welt nur zwei Kräfte gibt, nur zwei vitale Prinzipien, nur zwei aktive Elemente, nur zwei Ordnungen, oder, wie er sagt, nur zwei Staaten (die civitas, die er beschreibt, ist der Staat und nicht die Stadt, wie man gewöhnlich meint): es sind Gott und der Teufel, die sich in einem ewigen, vollständigen und unversöhnlichen Kampf befinden.

Es ist der Gedanke, dass alle Ereignisse in der Welt einzig und allein auf einen Kampf zwischen Gut und Böse zurückgehen, zwischen katholischer Kirche und der Macht der Finsternis, zwischen denen, die in der Kirche das Gute vertreten und der Macht der Finsternis. Dieser Kampf, dieser zwei entgegengesetzten Prinzipien gehe aus zwei Arten der Liebe hervor, und die Opposition dieser zweier Lieben sei die Quelle des gegenseitigen Hasses. Und die Quelle dieser Liebe und des Hasses sei, in der Stadt Gottes, die Liebe Gottes bis hin zum Vergessen seiner selbst, und in der Stadt des Teufels, die Eigenliebe bis hin zur Gottvergessenheit. Das heißt, des Egoismus in der einen und der Suche nach dem Absoluten in der anderen.

Das nur an sich selbst denken, an die eigenen Interessen, an sein Wohlbefinden, an Kleinigkeiten, sich als kleines Zentrum den Universums zu halten, ein Egoismus, der nur auf die eigene Befriedigung eingestellt ist, das ist der Ausgangspunkt der Stadt des Teufels, der bösen Geisteshaltung und alles weitere.

Die Stadt Gottes besteht in nicht an sich denken, sich ausschließlich an die überirdische Realität ausrichten, auf die die Offenbarung uns hinweist. Einen metaphysischen Geist pflegen, einen religiösen Geist, der den höheren Dingen zuwendet und die Seele für die Annahme der unschätzbaren Gabe des katholischen Glaubens vorbereitet. Das heißt, nur für Gott leben.

Diese zwei Prinzipien stehen in einer kompletten Opposition und die Weltgeschichte entwickelt sich im gegenseitigen Kampf dieser beiden Prinzipien.

Jemand könnte einwenden, die sei eine radikale, kompromisslose Auffassung der Realität. Ja, und das ist sie auch. Der hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort sagt, alles was Gott geschaffen hat, ist gut, weil er nicht Falsches tun kann. Nur eine einzige Feindschaft hat er gesetzt und diese ist gut, weil er nur Gutes tun kann: Es ist die Feindschaft zwischen Guten und Bösen, zwischen den Kinder des Lichtes und den Kindern der Finsternis, zwischen der Muttergottes und der Schlange.

Es gibt da etwas sehr schönes über den hl. Augustinus: Der Geist, mit dem er seine Bücher schrieb und füllte. Er schrieb sie zu der Zeit, als das Römische Reich des Westens zusammenfiel. Alles führte dahin anzunehmen, dass mit dem Einfall der Barbaren im Westen die katholische Religion weggefegt würde. Augustinus war Bischof von Hippo im Norden Afrikas. Dort haben die Barbaren dermaßen gewütet, dass der Katholizismus bis heute nicht wieder etablieren konnte. Trotzdem schrieb er seine Bücher in aller Ruhe, für eine Zukunft, die er nicht kannte.

Als er starb, waren die Horden in die Stadt eingedrungen. So berühmt war Augustinus, dass die Eindringlinge seinem Leichnam noch die letzte Ehre erwiesen. Die Welt zerbrach und es kam das Mittealter. Seine Werke waren die Grundlage für die mittelalterliche Auffassung des Staates, des Reiches und der Kirche. Er ist ein Kirchenlehrer des Mittelalters.

Man sieht, was notwendig war an Gottesglauben und Gottvertrauen. Gott will, dass er schreibt und er schreibt ein umfangreiches Werk, nicht für die Vandalen, die Hippo erstürmten, sondern für wann es Gott will. Seine Werke liegen da, fertig.

Und als es Gott gefiel, Jahrhunderte nach seinem Tod, kam das Mittelalter, wie eine Lilien erwachsen aus dieser Wurzel, insbesondere “die Stadt Gottes”. Dies soll für uns eine Ermutigung sein. Vollbringen wir mit Vertrauen und festem Glauben unser Werk, denn es wird für irgendwann nützlich sein. Niemals dürfen wir meinen, dass das, was wir tun, nicht von einer großen Nützlichkeit sei.

 

(Dieser Text ist übernommen aus einem informellen Vortrag von Professor Plinio Corrêa de Oliveira, gehalten am 28. August ?. Er wurde frei übersetzt und angepasst für die Veröffentlichung ohne eine Überarbeitung des Autors.)

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„Das Studium der alten Verordnungen des Pri­vatrechtes ließ uns über die Zeiten hinweg, die man die historischen nennt, eine Reihe von Jahrhunder­ten dunkel erkennen, während denen die Familie die einzige Gesellschaftsform war. Diese Familie konnte durch Jahrhunderte hindurch dann in ihrem großen Rahmen Tausende von menschlichen Wesen in sich schließen. Aber in diesen Grenzen war die menschliche Gesellschaft noch zu eng beschränkt: zu eng für die materiellen Bedürfnisse, denn schwer konnte sich die Familie in allen Lebenslagen genügen: zu eng auch für die moralischen Bedürfnisse unserer Natur. …

Wandmalerei aus der Empfangshalle der Villa von P. Fannius Synistor in Boscoreale; ca.- 50-40 v. Chr.

Die religiöse Idee und die menschliche Gesell­schaft waren also zugleich im Wachsen begriffen. Die häusliche Religion untersagte die enge Ver­bindung zweier Familien. Aber es war möglich, daß mehrere Familien, ohne irgend etwas von ihrer eigenen Religion preiszugeben, sich zumindest zur Feier eines anderen Kultes, der beiden gemeinsam war, einigten. Das geschalt auch. Eine gewisse Anzahl von Familien bildete eine Gruppe, die in der griechischen Sprache Phratrie, in der lateini­schen Kurie hieß. Waren es Bande der Geburt, die in den Familien derselben Gruppe bestanden? Es ist unmöglich, dies zu bestätigen. Sicher aber ist, daß sich solch eine neue Vereinigung nicht ohne Erweiterung der religiösen Idee vollzog. In dem Augenblick, wo sich diese Familien vereinigten, anerkannten sie eine Gottheit, die über ihren häus­lichen Gottheiten stand, die allen gemeinsam war und die über die ganze Gruppe wachte. Sie errich­teten ihr einen Altar, zündeten ein heiliges Feuer an und setzten einen Kult fest.

 

Es gab keine Kurie, keine Phratrie, die nicht einen Altar und ihren schützenden Gott gehabt hätte. Der religiöse Akt vollzog sich da in derselben Art wie der in der Familie. …

Gemälde von John William Waterhouse

 

Jede Phratrie oder Kurie hatte ein Oberhaupt, Kurio oder Phratriarch, dessen hauptsächlichste Funktion im Vorsitz bei den Opfern bestand. Viel­leicht sind seine Vorrechte zu Anfang ausgedehnter gewesen. Die Phratrie hatte ihre Versammlun­gen, ihre Beratungen und konnte Beschlüsse fassen. So wie in der Familie, gab es auch in der Phratrie einen Gott, einen Kult, ein Priester­tum, eine Justiz, eine Verwaltung. Es war eine kleine Gesellschaft, die genau der Familie nach­gebildet war.

Auf natürlichem Wege und auf dieselbe Weise wuchs diese Vereinigung. Mehrere Kurien oder Phratrien vereinigten sich und bildeten eine Tribus.

Marcus Aurelius Arcus. Foto von MatthiasKabel

 

Dieser nette Kreis hatte wieder seine Religion; in  jeder Tribus war ein Altar und eine schützende Gottheit. …

 

Die Tribus, sowie die Phratrie, hatte Versamm­lungen und faßte Beschlüsse, denen alle Mitglieder sich unterwerfen mußten. Sie hatte ein Tribunal und das Recht, ihre Mitglieder zu verurteilen. Sie hatte ein Oberhaupt, tribunus, phylobasileus“. 1

 

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1 Op. cit., Buch III, S. 132, 133, 134, 136, 137.

 

Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen Pius’ XII. an das Patriziat und an den Adel von Rom von Plinio Corrêa de Oliveira, Dokumente VII, No. 4.

 

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Römische Ruine mit einem Propheten. Gemälde von Giovanni Paolo Pannini.

 

„Man kann also einen langen Zeitraum erblicken, während dessen die Menschen keine anders geartete Gesellschaft gekannt haben, als die Familie. …

 

Jede Familie hat ihre Religion, ihre Götter, ihr Priestertum. … Jede Familie hat auch ihr Eigen­tum, ihr Stück Erde, das ihr durch die Religion unabänderlich gehört. … Endlich hat jede Familie ihr Oberhaupt, so wie jede Nation ihren König. Sie hat ihre Gesetze, die ohne Zweifel nicht geschrieben sind, die aber im Herzen eines jeden Menschen durch den strengen, religiösen Glauben eingeprägt waren. Sie hat ihre innere Justiz, über welche keine andere steht, die man anrufen könnte. Alles, was dem Menschen zu seinem materiellen oder moralischen Leben notwendig ist, besitzt die Familie in sich.

Der römische Dichter Catullus liest vor seinen Freunden. Gemälde von Stepan Bakalovich

Nichts von außen ist ihr nötig; sie ist ein organisierter Staat, eine Gesellschaft, die sich genügt.

Aber diese Familie der alten Zeiten ist weit verschieden von den Verhältnissen der modernen Familie. In den großen Gesellschaftsgebilden teilt und verkleinert sich die Familie; besteht aber keine Gesellschaft, so entwickelt und verzweigt sie sich ohne Teilung. Die jüngeren Zweige vereinigen sich dann um den älteren und bleiben bei der einen Herde und dem gemeinschaftlichen Grabe.1

 

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1 Ebenda, S. 126-127.

 

Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen Pius’ XII. an das Patriziat und an den Adel von Rom von Plinio Corrêa de Oliveira, Dokumente VII, No. 3.

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Römische Familie

„In den schwierigen Problemen, die die Ge­schichte oftmals bietet, ist es ratsam, den Wort­schatz der Sprache, um alle Auskünfte, die er uns geben kann, zu befragen. Eine Institution ist manchmal durch das Wort erklärt, das sie bezeich­net. Das Wort gens ist genau dasselbe, wie das Wort genus, so zwar, daß man eines für das andere nehmen und ohne Unterschied gens Fabia und genus Fabium sagen konnte. Beide entsprechen dem Verbum gignere und dem Substantiv genitor, ebenso wie genos dem gennäs und dem goneus entspricht. All diese Worte tragen den Begriff der Abstammung in sich. … Man vergleiche all diese Worte mit denen, die wir die Gewohnheit haben, mit Familie zu übersetzen, das lateinische familia, das griechische oikos. Weder das eine noch das andere enthält in sich den Sinn der Abstammung oder der Verwandtschaft. Die wahre Bedeutung von familia ist Eigentum; es bezeichnet das Feld, das Haus, das Geld, die Sklaven und deshalb sagen die Zwölftafelgesetze, indem sie vom Erben spre­chen, familiam mancitor, er soll die Nachfolge­schaft antreten. Was oikos betrifft, so ist es klar, daß dieses Wort nichts anderes bezeichnen will, als Eigentum oder Behausung. Und doch sind dies die Worte, die wir gewöhnlich mit Familie übersetzen. Kann man annehmen, daß Worte, deren wesentli­cher Sinn der der Behausung oder des Eigentums ist, oftmals zur Bezeichnung einer Familie ange­wendet werden konnten, und daß andere Worte, deren innerer Sinn Abstammung Geburt, Vater­schaft bedeutet, niemals etwas anderes als eine künstliche Vereinigung bezeichneten? Sicherlich wäre das nicht übereinstimmend mit der Deutlich­keit und der Klarheit der alten Sprachen. Es ist unzweifelhaft, daß die Griechen und die Römer mit den Worten gens und genos die Vorstellung einer gemeinschaftlichen Abstammung verbanden. … Die gens wird uns allseitig als eine Vereinigung dargestellt, die durch die Bande der Geburt ge­schaffen ward. …

Gemälde von Stepan Bakalovich.

Aus alledem erhellt, daß die gens keine Vereini­gung von Familien, sondern die Familie selber war. Ob sie nun nur  aus einer einzigen Linie bestand, oder zahlreiche Zweige zählte, immer war es nur eine Familie.

 

Es ist überdies leicht, sich von der Bildung der antiken gens und ihrer Natur ein Bild zu machen, wenn man sich die alten Glaubenslehren und die alten Einrichtungen vergegenwärtigt, die wir früher erwähnt haben. Man wird sogar erkennen, daß die gens auf ganz natürlichem Wege der häus­lichen Religion und dem Privatrechte der alten Zeiten entspringt. … Als wir die Autorität der alten Familien behandelten, haben wir gesehen, daß die Söhne sich vom Vater nicht trennten; indem wir die Gebräuche, die in der Übertragung des väterlichen Erbteiles herrschten, studierten, haben wir konstatiert, daß die jüngeren Brüder sich dank dem Prinzipe des gemeinschaftlichen Besitzes von dem älteren Bruder nicht trennten. Herd, Grab, väterliches Erbteil, all dies war zu Anfang unteil­bar, und folglich auch die Familie. Die Zeit ver­mochte sie nicht zu zerteilen. Diese unteilbare Familie, die sich durch alle Zeiten hindurch ent­wickelte, ihren Kultus und ihren Namen von Jahrhundert zu Jahrhundert erhaltend, das war in Wirklichkeit die antike gens. Die gens war die Familie, aber die Familie, die sich die Einheit, die die Religion ihr befahl, erhalten und sich so weit entwickelt hat, als es das alte Privatrecht zuließ.

Mutter und ihre beiden Kinder. A.D. 250.

 

Nehmen wir das als wahr an, so wird alles klar, was die alten Schriftsteller uns von der gens erzäh­len. Die enge Verbindlichkeit, die wir eben zwi­schen ihren Gliedern bemerkten, hat nichts Über­raschendes mehr: Sie sind durch die Geburt ver­wandt“.1

 

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1 Ebenda, S. 118, 119, 121 und 122.

 

Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen Pius’ XII. an das Patriziat und an den Adel von Rom von Plinio Corrêa de Oliveira, Dokumente VII, No. 2.

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Fustel de Coulanges

Das Buch von Fustel de Coulanges,1 Der antike Staat, zuerst mit Begeisterung aufgenommen, war anschließend im Laufe der Zeit Gegenstand der Kritik. Trotzdem, auf Grund der diesem Werk zugrundeliegenden Gelehrsamkeit, der Klarheit der Gedanken und geradlinigen Ausführung, bewahrt Der antike Staat auch heute noch die Einschätzung als Meisterwerk seiner Art.

 

1. Das Wort pater unterscheidet sich von genitor und erscheint als Synonym für rex

„Dank der häuslichen Religion war die Familie ein kleiner, organisierter Körper, eine kleine Ge­sellschaft, die ihr Oberhaupt und ihre bestimmte Führung hatte. Nichts in unserer modernen Gesell­schaft kann uns von jener väterlichen Macht einen Begriff geben. In dieser alten Zeit war der Vater nicht nur der Starke, der beschützt und sich zu­gleich Gehorsam zu verschaffen imstande ist, er ist auch der Priester, der Erbe des Herdes, der Fort­setzer der Ahnen, der Stamm der Nachkommen, der Verwahrer der geheimnisvollen Gebräuche des Kultus und der geheimen Formen des Gebets. Alle Religion ruht auf ihm.

Der Name Pater, mit dem man ihn nennt, gibt uns eine sonderbare Belehrung. Das Wort ist im Griechischen, Lateinischen, im Sanskrit dasselbe, woraus man schon schließen kann, daβ dieses Wort aus einer Zeit stammt, wo die Vorfahren der Helle­nen, der Italer und der Hindu noch zusammen in Zentralasien lebten. Was bedeutete es damals den Menschen? Dies läßt sich leicht entnehmen, denn es hat diesen seinen ersten Sinn in den Formen der religiösen und juristischen Sprache bewahrt. … In der juristischen Sprache konnte der Titel eines Pater oder paterfamilias einem Manne beigelegt werden, der keine Kinder hatte, der nicht verheira­tet und gar nicht in dem Alter war, eine Heirat eingehen zu können. Der Begriff der Vaterschaft haftete also nicht an diesem Worte.

Die alte Sprache besaß noch ein anderes Wort, eine passende Bezeichnung für den Vater, das ebenso alt ist wie Pater und sich in der Sprache der Griechen, der Römer und der Hindu vorfindet (gânitar, gennetér, genitor). Das Wort pater hatte einen anderen Sinn. In der religiösen Sprache wandte man es auf alle Götter an; in der Rechtssprache nannte man paterfamilias jeden Mann, der unabhängig war und der eine Familie und ein Haus beherrschte. Die Dichter zeigen uns, daβ man es im Hinblick auf all jene anwandte, die man ehren wollte. Sklave und Klient nannten so ihren Herrn.  Rex, hänas, basileus waren ihm synonyme Wörter. Es schloß nicht etwa die Idee der Vaterschaft, wohl aber die der Macht, der Autorität, der majestätischen Würde in sich.

 

Sieg des Tullius Hostilius über Veji

Daß ein solches Wort auf den Familienvater angewandt wurde, mit der Zeit sogar sein gewöhn­lichster Name werden konnte, ist sicherlich eine bezeichnende Tatsache, die jedweden bedeutsam erscheinen wird, der die antiken Institutionen kennen lernen will. Die Geschichte dieses Wortes genügt, um uns einen Begriff der Macht zu geben, die der Vater lange Zeit in der Familie ausgeübt hat und des Gefühls der Verehrung, das man ihm zollte, wie einem Priester oder Herrscher.2

 

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1 Französischer Geschichtsschreiber (1830-1889), Professor für die Geschichte des Mittelalters an der Sorbonne und Direktor der École Normale Supérieure. Außer Der antike Staat schrieb er noch andere Bücher, von denen besonders das Werk Geschichte der Institutionen im antiken Frankreich hervorzuheben ist. In diesem Buch analysiert er die Entstehung des Feudalregimes in diesem Land.

 

2 Der Antike Staat. Studie über Kultus, Recht und Einrichtungen Griechenlands und Roms. Akademische Druck- u. Verlagsanstalt, Graz, 1961, S, 97-98.

 

­Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen Pius’ XII. an das Patriziat und an den Adel von Rom von Plinio Corrêa de Oliveira, Dokumente VII, No. 1.

 

 

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Frantz Funck-Brentano (1862-1947)

Über die Rolle der Familie beim Aufbau der feudalen Gesellschaftsordnung schreibt der Historiker Franz Funck-Brentano, Mitglied des Institut Français, in seinem berühmten Buch Das Ancien Régime:

„Niemand wird bestreiten, daß das Ancien Régime seine Wurzeln in der feudalen Gesellschaft hat. Der Feudalismus selbst entstand in jener er­staunlichen Epoche, die von der Mitte des 9. Jahr­hunderts bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts reicht, aus der französischen Familienorganisation, die ihre privaten Institutionen nach und nach auf das öffentliche Leben ausweitete.

Die Bulgaren besiegen die Byzantiner bei Anchialos 917

Im Laufe des 9. und 10. Jahrhunderts hatten eine ganze Reihe von Überfällen der Barbaren, Normannen, Hunnen und Sarazenen das Land in die Anarchie gestürzt, der alle Institutionen zum Opfer gefallen waren. Der Bauer verließ sein Ac­kerland, um der Gewalt zu entfliehen; das Volk versteckte sich in den tiefsten Wäldern und in un­zugänglichen Sümpfen oder suchte seine Zuflucht im Hochgebirge. Das Band, das die Bewohner eines Landes einte, war zerrissen; die überlieferten Bräuche und Gesetze waren zerschlagen; niemand mehr regierte die Gesellschaft.

Inmitten dieser Anarchie ging von der einzigen noch heilen organisierten Kraft, von der einzigen Zuflucht, die niemand hatte besiegen können, weil ihre Fundamente in das menschliche Herz hinein­reichten, nämlich von der Familie, der Wiederauf­bau der Gesellschaft aus.

Mitten im Sturm widersteht die Familie, gewinnt an Kraft und wächst zusammen. Da sie ihren Bedürfnissen nachkommen muß, schafft sie sich die für die landwirtschaftliche und mechanische Arbeit und für die bewaffnete Verteidigung notwendigen Organe. Da es den Staat nicht mehr gibt, tritt an seine Stelle die Familie. Das gesell­schaftliche Leben dreht sich um das Heim, das Leben in Gemeinschaft beschränkt sich auf den Hausbereich und die dazugehörigen Güter, be­schränkt sich auf die Hauswände und was darum herumliegt.

 

Es handelt sich um eine nachbarliche Gesell­schaftsform, die von den restlichen Gruppen des­selben Musters jedoch völlig abgeschnitten ist.

Der Bote

 

In den Anfangszeiten unserer Geschichte erin­nert der Familienchef an den früheren pater fami­lias. Er befehligt die Gruppen von Menschen, die sich um ihn herum bildet und seinen Namen trägt, er organisiert die gemeinsame Verteidigung und verteilt die Arbeit je nacht Fähigkeiten und Bedürf­nissen eines jeden. Er herrscht – so heißt es in den Texten jener Zeit – als absoluter Herr. Man nennt ihn ‚sire’. Seine Gemahlin, die Familienmutter, wird ‚Dame’, ‚Domina’, genannt.

 

So wurde die Familie für den Menschen zum Vaterland, und die lateinischen Texte jener Zeit nennen sie sogar so, ‚Patria’. Ihr gehört die zärtli­che Zuneigung des einzelnen um so mehr, als sie lebendig und konkret vor seinen Augen liegt. Ihre Macht, aber auch ihre Milde wird unmittelbar er­fahren als fester, geliebter Panzer, als notwendiger Schutz. Ohne Familie könnte der Mensch nicht bestehen.

Wilfried I. von Barcelona, genannt Wilfried der Haarige

Daraus entsteht das Gefühl der Solidarität, das die Familienmitglieder miteinander verbindet, und das sich unter dem Wirken einer souveränen Tra­dition weiterentwickelt und nach und nach genaue­re Umrisse annimmt“.1

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1 a.a.o., Americ.- Edit., Rio de Janeiro, 1936, Bd. I, S. l2-l4.

Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen Pius’ XII. an das Patriziat und an den Adel von Rom von Plinio Corrêa de Oliveira, Dokumente VIII.

 

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– die Erfahrung des zeitgenössischen Föderalismus

 

Viele Historiker sehen im Feudalismus, wie er in bestimmten Regionen Europas seinen Ausdruck gefunden hat, sowie in den parafeudalen Landbesitzverhältnissen anderer Regionen gefährliche, Uneinigkeit stiftende Faktoren.

 

Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, daß Autonomie an sich nicht unbedingt zur Uneinigkeit führen muß.

 

Heute sieht zum Beispiel niemand mehr in der Autonomie der Staaten, die auf dem amerikanischen Kontinent föderative Republiken bilden, einen Uneinigkeitsfaktor, man betrachtet sie vielmehr als ein agiles, plastisches, fruchtbares Beziehungsmuster intelligenten Zusammenlebens. Regionalismus bedeutet nicht immer Feindseligkeit untereinander oder gegenüber dem Ganzen, sondern auch harmonische Autonomie, Reichtum an geistigen und materiellen Gütern sowohl in den allen Regionen gemeinsamen Zügen als auch in den besonderen Merkmalen einer jeden einzelnen.

 

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Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen Pius’ XII. an das Patriziat und an den Adel von Rom von Plinio Corrêa de Oliveira, Kapitel VII, 3, e.

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