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in den Ansprachen von Papst Pius XII

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Das alte Rom – ein aus der patriarchalischen Gesellschaft hervorgegangener Staat

Fustel de Coulanges

Das Buch von Fustel de Coulanges,1 Der antike Staat, zuerst mit Begeisterung aufgenommen, war anschließend im Laufe der Zeit Gegenstand der Kritik. Trotzdem, auf Grund der diesem Werk zugrundeliegenden Gelehrsamkeit, der Klarheit der Gedanken und geradlinigen Ausführung, bewahrt Der antike Staat auch heute noch die Einschätzung als Meisterwerk seiner Art.

 

1. Das Wort pater unterscheidet sich von genitor und erscheint als Synonym für rex

„Dank der häuslichen Religion war die Familie ein kleiner, organisierter Körper, eine kleine Ge­sellschaft, die ihr Oberhaupt und ihre bestimmte Führung hatte. Nichts in unserer modernen Gesell­schaft kann uns von jener väterlichen Macht einen Begriff geben. In dieser alten Zeit war der Vater nicht nur der Starke, der beschützt und sich zu­gleich Gehorsam zu verschaffen imstande ist, er ist auch der Priester, der Erbe des Herdes, der Fort­setzer der Ahnen, der Stamm der Nachkommen, der Verwahrer der geheimnisvollen Gebräuche des Kultus und der geheimen Formen des Gebets. Alle Religion ruht auf ihm.

Der Name Pater, mit dem man ihn nennt, gibt uns eine sonderbare Belehrung. Das Wort ist im Griechischen, Lateinischen, im Sanskrit dasselbe, woraus man schon schließen kann, daβ dieses Wort aus einer Zeit stammt, wo die Vorfahren der Helle­nen, der Italer und der Hindu noch zusammen in Zentralasien lebten. Was bedeutete es damals den Menschen? Dies läßt sich leicht entnehmen, denn es hat diesen seinen ersten Sinn in den Formen der religiösen und juristischen Sprache bewahrt. … In der juristischen Sprache konnte der Titel eines Pater oder paterfamilias einem Manne beigelegt werden, der keine Kinder hatte, der nicht verheira­tet und gar nicht in dem Alter war, eine Heirat eingehen zu können. Der Begriff der Vaterschaft haftete also nicht an diesem Worte.

Die alte Sprache besaß noch ein anderes Wort, eine passende Bezeichnung für den Vater, das ebenso alt ist wie Pater und sich in der Sprache der Griechen, der Römer und der Hindu vorfindet (gânitar, gennetér, genitor). Das Wort pater hatte einen anderen Sinn. In der religiösen Sprache wandte man es auf alle Götter an; in der Rechtssprache nannte man paterfamilias jeden Mann, der unabhängig war und der eine Familie und ein Haus beherrschte. Die Dichter zeigen uns, daβ man es im Hinblick auf all jene anwandte, die man ehren wollte. Sklave und Klient nannten so ihren Herrn.  Rex, hänas, basileus waren ihm synonyme Wörter. Es schloß nicht etwa die Idee der Vaterschaft, wohl aber die der Macht, der Autorität, der majestätischen Würde in sich.

 

Sieg des Tullius Hostilius über Veji

Daß ein solches Wort auf den Familienvater angewandt wurde, mit der Zeit sogar sein gewöhn­lichster Name werden konnte, ist sicherlich eine bezeichnende Tatsache, die jedweden bedeutsam erscheinen wird, der die antiken Institutionen kennen lernen will. Die Geschichte dieses Wortes genügt, um uns einen Begriff der Macht zu geben, die der Vater lange Zeit in der Familie ausgeübt hat und des Gefühls der Verehrung, das man ihm zollte, wie einem Priester oder Herrscher.2

 

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1 Französischer Geschichtsschreiber (1830-1889), Professor für die Geschichte des Mittelalters an der Sorbonne und Direktor der École Normale Supérieure. Außer Der antike Staat schrieb er noch andere Bücher, von denen besonders das Werk Geschichte der Institutionen im antiken Frankreich hervorzuheben ist. In diesem Buch analysiert er die Entstehung des Feudalregimes in diesem Land.

 

2 Der Antike Staat. Studie über Kultus, Recht und Einrichtungen Griechenlands und Roms. Akademische Druck- u. Verlagsanstalt, Graz, 1961, S, 97-98.

 

­Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten in den Ansprachen Pius’ XII. an das Patriziat und an den Adel von Rom von Plinio Corrêa de Oliveira, Dokumente VII, No. 1.

 

 

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